Meisterschaft der ZWOTEN: Das große Interview mit "Zwicke"

Michael „Zwicke“ Gruß hat mit seiner „Zwoten“ den Rheinhessenliga-Titel gewonnen. Alle Fotos: SFB / Ingo Fischer

Großes Meisterschafts-Interview mit „Zwicke“ Gruß
"Der Junge hat echt Eier!"

Die zweite Mannschaft der Sportfreunde Budenheim hatte bereits das erste dicke Ausrufezeichen dieser Rheinhessenligasaison gesetzt – und nun auch das letzte: Unmittelbar vor dem Rundenstart hatte sich das Team mit seinem neuen Trainer überworfen, und Leitwolf Michael „Zwicke“ Gruß musste ohne jegliche Erfahrung als Coach plötzlich das Amt des Spielertrainers übernehmen. Ein Paukenschlag. Doch anders, als viele Beobachter es erwartet haben, begann die Saison nicht nur sehr erfolgreich, sondern das Team hielt das Niveau über die gesamte Spielzeit – und krönte seine Leistung am vergangenen Sonntagabend in der allerletzten Partie beim einzig verbliebenen Verfolger TG Osthofen sensationell mit dem Meistertitel. Ein Interview mit „Zwicke“ über klare, harte Worte, Spieler-Taillen, wichtige Punktverluste zur richtigen Zeit und den kometenhaften Aufstieg eines A-Jugend-Talents, das vor der Runde niemand auf dem Schirm hatte.


Der Sportfreund: Zwicke, das Ergebnis war beim 24:25-Auswärtssieg in Osthofen am Ende nur scheinbar eng, tatsächlich hatte ich als Zuschauer im gesamten Spielverlauf nie einen Zweifel, dass die Zwote nicht mindestens einen Punkt holen und die Meisterschaft klar machen wird. Was sagst Du zur Leistung Deines Teams im Rheinhessenliga-Finale?

Michael Gruß:
Ab Mitte der zweiten Halbzeit hatte ich auch das Gefühl, dass das Spiel nicht zu unseren Ungunsten kippen wird. Das lag vornehmlich an der Leistung, die wir in der Abwehr gezeigt haben – insbesondere in der zweiten Halbzeit. Die Abwehr war schon die ganze Saison unsere absolute Stärke und auch im Spiel gegen Osthofen wieder richtig, richtig gut. Da schließe ich die Torhüterleistung natürlich mit ein.


Der Sportfreund: Apropos, Ihr habt im Saisonverlauf mit 652 erzielten Toren den drittbesten Angriff, mit 528 gefangenen Toren jedoch die beste Verteidigung der Liga gestellt - die alte Weisheit hat sich wieder bewahrheitet: Eine gute Offensive gewinnt Spiele, eine gute Defensive Meisterschaften. Warum ist die Abwehr so wichtig für Euer Spiel?

Michael Gruß:
Aus einer guten Deckung kann man als Mannschaft unglaublich viel Emotionen für ein Spiel ziehen – so wie auch am Sonntag: Jeder hat gebrannt, egal ob auf dem Feld oder auf der Bank. Das hat uns angetrieben.


Der Sportfreund: Wie war die Titelfeier am Sonntagabend? Bitte mit vielen schmutzigen Details!

Michael Gruß
: Wir waren im Vereinsheim, ich kann daher nicht alle schmutzigen Details nennen: Die Leute wollen ja schließlich noch auf den Stühlen sitzen und von den Tischen essen – kleiner Scherz. Wir hatten Bier und Pizza besorgt und saßen mit Musik bis spät in die Nacht zusammen. Es war ziemlich entspannt und auch ziemlich witzig.


Der Sportfreund: In der vergangenen Saison hattet Ihr den dritten Platz belegt, für diese Spielzeit hattest Du diese Platzierung als Minimalziel vorgegeben. Woher hast Du als Trainer-Neuling dieses Selbstbewusstsein genommen?

Michael Gruß:
Das Ziel haben wir als Mannschaft festgelegt, das habe nicht ich bestimmt. Der Kern der Mannschaft war die erfolgreichen Jahre unter Volker Schuster als Trainer schon dabei, wurde 2017 bereits Rheinhessenligameister. Plus Tobi Weyrich, der aufgrund der U21-Regelung noch Erste und Zweite spielen konnte dieses Jahr, plus Paulaner (Paul Baum) als 2000er-A-Jugendjahrgang, plus die Jungs der aktuellen A-Jugend – da war das auch ein realistisch machbares Saisonziel.


Der Sportfreund: Klar war der Kader stark, jedoch war die Vorbereitung ungewöhnlich holprig verlaufen: Du hattest die ZWOTE erst unmittelbar vor dem Rundenstart sehr spontan als Spielertrainer übernommen, nachdem der eigentlich vorgesehene Trainer und das Team nicht miteinander warm geworden waren. Wie hast Du es geschafft, dass Dein Team trotz dieser Querelen im Vorfeld eine so außergewöhnlich gute Saison gespielt hat?

Michael Gruß:
Nachdem ich zugesagt habe, den Trainerjob kurzfristig zu übernehmen, war klar, dass das nur funktionieren kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Ich musste von den Jungs erwarten können, dass sie mich in der neuen Situation vollumfänglich unterstützen, dass sie mitziehen im Training und im Spiel und dass wir offen und direkt kommunizieren, wenn Dinge nicht passen.


Der Sportfreund: Habt Ihr wegen der Trainergeschichte einen besonderen Druck verspürt?

Michael Gruß:
Uns war klar, dass wir von außen nun besonders beäugt werden. Nicht vom Vorstand des Vereins, aber von Zuschauern, Trainern und Spielern anderer Teams. Eine Menge Leute werden sich gefragt haben, was da in Budenheims zweiter Mannschaft los ist. Es ging in der Situation um die Reputation der Zwoten und der gesamten Sportfreunde Budenheim.


Der Sportfreund: Wie habt Ihr als Team darauf reagiert?

Michael Gruß:
Dieser Umstand hat uns zusammengeschweißt. Jeder hat sich den Arsch aufgerissen. Die Jungs standen voll hinter mir, und sie haben mir dadurch auch sehr geholfen, Spaß am Trainersein zu finden. Der Erfolg blieb ja auch nicht aus: Weihnachten haben wir als Tabellenführer gefeiert. Da ich weiß, dass die Mannschaft das hier mit Sicherheit lesen wird, nutze ich die Chance: Danke, Jungs – Ihr wart und seid großartig!


_8_IMG_7496_700.jpgAusgelassene Freude bei Dominick McLaurin (l.) und Lukas Sturm, der vor allem in der Anfangsphase das Spiel der Sportfreunde befeuerte.


Der Sportfreund: Was macht die Besonderheit Deiner Mannschaft aus?

Michael Gruß:
Ganz klar die mannschaftliche Geschlossenheit. Das war in den Jahren unter Volker schon die große Stärke und hat sich in dieser Saison nochmal vertieft. Es wurde nie untereinander und gegeneinander gemotzt, jeder hängt sich voll für den anderen rein, jeder versucht, die anderen zu pushen und mitzureißen. Selbst die Niederlage in Nieder-Olm oder die beiden Unentschieden gegen Ingelheim und Bodenheim haben dazu geführt, dass die Mannschaft zusammengerückt ist, statt dass wir hadern und die Stimmung schlechter wird.


Der Sportfreund: Welche Spieler haben die größte Entwicklung in der Runde gemacht?

Michael Gruß:
Ich finde Justus „Schmalhans“ Teßnow sticht die Saison mit am positivsten heraus. Weniger, weil er plötzlich eine riesen Entwicklung genommen hat, sondern mehr, weil er die Saison endlich mal Selbstvertrauen in das, was er schon kann, gefunden hat. Er hat in der Abwehr einen sensationellen Job gemacht und auch im Angriff endlich sein Können umgesetzt, was uns deutlich flexibler gemacht hat.

Tobi „Torpedo“ Weyrich spielt jetzt im Mittelblock Abwehr, sicherlich auch eine Entwicklung, mit der er selbst vor der Saison noch nicht gerechnet hat. Aber die größte Entwicklung hat definitiv Lucas „Luci“ (gesprochen: Lusi) Weil gemacht. Ihn hatte ich am Anfang bei den A-Jugendlichen gar nicht wirklich auf dem Schirm. Er hatte mich dann im September von sich aus angesprochen, ob er bei uns mitzocken könne auf Rechtsaußen, er habe da Bock drauf. Mittlerweile ist er eine echte Bank im Team, hat in Ingelheim vor 150 pöbelnden Zuschauern sechs von sechs Siebenmetern versenkt und uns das Unentschieden gerettet, haut dem Knezevic von Kirn am Ende drei Dinger durch die Beine, was das Spiel zu unseren Gunsten dreht. Und macht jetzt in Osthofen acht Tore für die Meisterschaft. Luci wäre ganz nach dem Geschmack von Oliver Kahn: Der Junge hat echt Eier!


_2a_IMG_6646_700.jpgVor voller Hütte macht Handball besonders viel Spaß – sogar auswärts. Hier gelingt Justus Teßnow ein Torabschluss über seinen Mitspieler Daniel Quilitzsch hinweg.


Der Sportfreund: Wer hat Dich am meisten überrascht?

Michael Gruß:
Am meisten überrascht hat mich Lukas „Ling Ling“ Bang – und das gleich doppelt: Er war bis November ein Fan der kalorienreichen und fettigen Küche, was sich deutlich auf sein körperliches Erscheinungsbild niedergeschlagen hat. Unser Kreisläufer Fabian Vollmar hat Ling Ling dann Ende November einen Abnehmwettstreit angeboten, wer bis Ende Januar prozentual das meiste Gewicht verliert. Die erste Überraschung lag darin, dass Ling Ling bei der Wette einsteigt und auch bis zum Ende durchzieht: Zusätzliche Einheiten im Kraftraum und laufen im Wald, kein Alkohol und eine Umstellung seiner Ernährung. Das war eine echt geile Nummer.

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Lukas Bang (in der Waagrechten) hat mit viel Einsatz und eiserner Disziplin gezeigt, dass er auch Taille kann.


Der Sportfreund: Und die zweite Überraschung?

Michael Gruß:
Das zweite Mal überrascht wurde ich dann, als ich gesehen habe, dass Ling Ling ja doch eine Taille hat.


Der Sportfreund: Was waren die Knackpunkte in dieser Saison?

Michael Gruß:
Knackpunkt Eins war die Niederlage gegen Nieder-Olm. Ich bin sicher: Hätten wir das Spiel nicht verloren, hätten wir das Hinspiel die Woche drauf gegen Osthofen nicht gewonnen und somit auch nicht die Tabellenführung übernommen. An der Tabellenspitze zu stehen war auch Knackpunkt Zwei. Zum Start der Rückrunde haben wir intern beschlossen: Die geben wir nicht mehr her!


Der Sportfreund: Eine Niederlage als Knackpunkt für eine erfolgreiche Saison?

Michael Gruß:
Ganz genau. Knackpunkte Drei und Vier waren die beiden Unentschieden in Ingelheim – ein sehr glücklicher Punkt für uns – und gegen Bodenheim zu Hause – ein sehr dummer Punktverlust von uns. Die Spiele kamen beide in einer Phase, in der sich gerade ein bisschen zu viel Zufriedenheit eingestellt hatte. Wir hatten zwei Wochen nach dem Unentschieden gegen Bodenheim direkt das Rückspiel in Bodenheim. Das war ein ganz anderer Auftritt von uns, eine ganz andere Stimmung, viel mehr Emotionen und Lautstärke. Der 31:23-Auswärtssieg und die Art, wie dieser zustande gekommen ist, waren genau das, was wir für den Endspurt der Saison gebraucht haben.


Der Sportfreund: Wie hast Du Dich selbst in Deiner ersten Trainersaison entwickelt?

Michael Gruß:
Ich hatte zuvor keine Trainerfunktion inne, ich musste mich plötzlich um Dinge kümmern, von denen ich entweder gar keine Ahnung hatte oder mit denen ich mich zuvor allenfalls am Rande beschäftigen musste.


Der Sportfreund: Zum Beispiel?

Michael Gruß:
Das System für die Online-Aufstellung der Spieler im Vorfeld der Spiele kannte ich nicht, elektronische Schiedsrichterbewertungen im Anschluss an ein Spiel waren neu, ich musste mich zuvor nie um Pässe kümmern oder um Zeitnehmer für unsere Heimspiele. Unter Volker hatte ich bei Abwesenheiten von ihm zwar ab und an schon mal ein Training übernommen, aber plötzlich erwartete man von mir zweimal die Woche ein vernünftig geplantes Training. Und auch die Vorbereitung auf ein Punktspiel ist als Trainer definitiv anders als die eines Spielers. Das war am Anfang eine riesige Umstellung, bei der mir meine Frau, Fabian Vollmar und Daniel Marckart sehr geholfen haben. Mittlerweile habe ich einen guten Rhythmus gefunden und habe auch wirklich Spaß daran, Trainer zu sein.


Der Sportfreund: Welche Lehren hast Du bislang in Deiner Funktion als Trainer gezogen?

Michael Gruß:
Darüber habe ich mir noch keine wirklichen Gedanken gemacht. Ich werde sicherlich noch auf den einen oder anderen aus der Mannschaft zugehen, um ein Feedback zu bekommen. Insgesamt glaube ich aber, dass die Mannschaft und ich einen guten Weg des Umgangs und auch der Kommunikation gefunden haben. Das soll auf jeden Fall so bleiben.


Der Sportfreund: Wie schwer ist es Dir in Deiner Funktion als Spielertrainer gefallen, im Verlauf der Saison immer weniger Spieler zu sein und immer mehr Trainer zu werden?

Michael Gruß:
Das Wissen darum, dass ich als Trainer deutlich weniger spielen kann, war in der Abwägung, ob ich den Trainerjob übernehme, auf jeden Fall ein Grund, es nicht zu tun. Bis dahin hatte ich einfach noch zu viel Spaß am reinen Spielen, und da ich mit einem nicht kaputt zu bekommenden Körper gesegnet bin, wäre das auch körperlich noch machbar gewesen.


Der Sportfreund: Aber…?

Michael Gruß:
Es hat sich dann ziemlich schnell gezeigt, dass ich als Trainer gar nicht den Kopf habe, um auch noch so intensiv trainieren zu können, wie es nötig wäre. Meine Leistungen haben dann doch rapide abgenommen – und damit zunehmend der Spaß. Das war schon eine ziemlich ernüchternde und harte Erkenntnis. Mittlerweile ist das ok, letztlich nehme ich ja auch einem anderen Spieler einen Platz im Team weg, wenn ich mich auf den Bogen schreibe, aber eigentlich gar nicht spiele. Ich mache noch gelegentlich mit, um nicht auch in die Not zu geraten, bei einem Abnehmwettbewerb mitmachen zu müssen. Zumal man mir aus der Mannschaft heraus zunehmend mitgeteilt hat, ich solle doch bitte aufhören. Und da wurde sich noch nicht mal bemüht, es durch die Blume zu sagen.

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Staffelleiter Thorsten Lob (r.) verleiht zunächst die Urkunde und den Meisterball.


Der Sportfreund: Soviel zum Thema „offene und direkte Kommunikation“ (lacht). Wirst Du in der kommenden Saison also kein Spielertrainer mehr sein?

Michael Gruß
: Ab nächster Saison bin ich nur noch Trainer. Spieleinsätze in der ZWOTEN wird es für mich nicht mehr geben.


Der Sportfreund: Erneut kann die ZWOTE als Rheinhessenliga-Meister nicht an den Aufstiegsspielen in die Oberliga teilnehmen, weil die Erste den Startplatz in der nächsthöheren Liga „blockiert“. Welchen Tipp von Trainer zu Trainer kannst du Volker geben, damit im nächsten Jahr der Doppelaufstieg gelingt?

Michael Gruß:
Ich habe Volker schon die ganze Saison versucht, Tipps zu geben. Aber wie man sieht, hört er mir offensichtlich nicht zu. Vielleicht muss man auch ganz offen mal über einen Tausch der Mannschaften nachdenken. Ich kann mir gut vorstellen, dass Spieler wie Eike Rigterink mit Championsleague-Erfahrung, oder auch Lukas Nagel, Kevin Knieps oder Christian Kosel sicherlich Bock drauf hätten, am Sonntagnachmittag vor 20 Zuschauern ein Rheinhessenligaspiel ohne Harz zu absolvieren. Der Vorteil für sie wäre: Sie würden im Training nach den Spielen deutlich öfter kicken als jetzt.


Das Interview führte Ingo Fischer.


Ganz in schwarz mit einem Meistershirt: Die „Zwote“ der Sportfreunde Budenheim feiert ihren Titel.



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Wimmelbild: Wer findet den Budenheimer Bürgermeister Stephan Hinz im Sportfreunde-Fanblock in der mit 650 Zuschauern restlos ausverkauften Osthofener Wonnegauhalle?


Für seinen Trainer Michael Gruß ist er die Entdeckung der Saison: Lucas Weil, hier beim Siebenmeter.